Vom Datensatz zur Doppelspitze

Jobsharing

KI verändert nicht nur die Arbeit selbst, sondern eröffnet auch dem Recruiting neue Wege. Wie das aussehen kann, zeigen Forschende des Fraunhofer IAO: Gemeinsam mit dem Jobsharing-Portal »PairToShare« haben sie einen Matching-Algorithmus entwickelt, der Tandem-Bewerbungen für Führungskräfte ermöglicht – und den Erfolg geteilter Leitung planbar macht.

© Aristidis Schnelzer Svenja Christen, Gründerin des Jobsharing-Portals PairToShare, und Dr. Clemens Striebing vom Fraunhofer IAO eröffneten mit ihrer Forschung neue Möglichkeiten, Daten im Personalbereich nutzbar zu machen.

Teilzeit ist in Deutschland gefragter denn je. 2025 arbeiteten bereits vier von zehn Beschäftigten in diesem Modell. Gleichzeitig wird politisch darüber diskutiert, Arbeitszeiten auszuweiten, um Wachstum zu sichern und dem Fachkräftemangel zu begegnen. Viele Beschäftigte wünschen sich hingegen mehr Flexibilität, um etwa Familie, Pflege oder ehrenamtliches Engagement besser mit ihrem Beruf zu vereinbaren – ohne dafür ihre Karriere auf Eis legen zu müssen.

Besonders deutlich wird dieses Spannungsfeld in Führungspositionen. Diese sind nach wie vor auf Vollzeit ausgelegt, Teilzeit gilt als Karrierebremse. Dabei wären viele qualifizierte Fachkräfte bereit, Verantwortung zu übernehmen – nur eben nicht allein und nicht in Vollzeit.

Geteilte Führung

Genau hier setzt Jobsharing an. Die Vorteile geteilter Führung sind klar: Teilen sich zwei Personen eine Führungsrolle, haben beide bei Ausfall ein Backup. Entscheidungen treffen sie gemeinsam, komplexe Fragen klären sie im Austausch. Im Idealfall ergänzen sich die Partner fachlich und persönlich und haben einen Sparringspartner auf Augenhöhe. »Das bringt mehr Rationalität in den Berufsalltag«, sagt Dr. Clemens Striebing, Senior Researcher im Team »Unternehmenskultur und Transformation« am Fraunhofer IAO, der bereits viel zum Thema geforscht hat. »Unsere Studien zeigen auch, dass Jobsharing eines der wirksamsten Instrumente zur Frauenförderung ist.« Zugleich haben sich die Anforderungen an Führungskräfte sowie das Arbeitsvolumen so verdichtet, dass sie für einzelne Personen kaum zu bewältigen sind. Weiterhin können geteilte Rollen helfen, gezielt Nachfolgerinnen oder Nachfolger aufzubauen.

Was in der Theorie so plausibel wie sinnvoll klingt, ist in der Umsetzung jedoch anspruchsvoll. Die zentrale Frage lautet: Wie findet man ein Tandem, das gut zueinander passt? Mit dieser Herausforderung wandte sich das Berliner Unternehmen PairToShare, eine Jobsharing-Plattform, an das Fraunhofer IAO. Die Gründerin Svenja Christen und der Gründer Yannic Franken suchten nach einer Lösung, um ihre Dienstleistung weiterzuentwickeln.

»Wir haben bereits viel zu Tandems geforscht und Unternehmen beraten, aber uns fehlte ein entscheidender Baustein: das Matching selbst«, sagt Christen. Als Psychologin mit Erfahrung im HR-Bereich war ihr eine wissenschaftlich fundierte Basis besonders wichtig. Das Ziel war, gemeinsam einen hochwertigen Matching-Algorithmus zu entwickeln und ein Tool, das Unternehmen auf ihrer Karriereseite integrieren können, um auch passende Tandembewerbungen zu erhalten.

Gemeinsam entwickelten die Partner einen datenbasierten Ansatz, der über klassische Kriterien wie Qualifikation und Erfahrung hinausgehen sollte. Mithilfe eines Fragebogens erforschten sie matchingrelevante Faktoren wie Kommunikationsstil, Arbeitsweise und Arbeitswerte . Mehr als 100 Teilnehmende füllten ihn aus, wurden gematcht, lernten sich kennen und bewerteten anschließend die Passung. Die Ergebnisse flossen in die Weiterentwicklung des Algorithmus, der mithilfe KI-gestützter Verfahren fortlaufend verbessert wurde.

Die Auswertung zeigte: Persönlichkeitsfaktoren wie Offenheit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität spielten zwar eine Rolle. Entscheidend für den Erfolg eines Tandems waren jedoch die Arbeitswerte – also das, was Menschen im Job wichtig ist: Wie wichtig ist mir Leistung? Will ich mich für meine Mitmenschen einsetzen? Wie wird Führung verstanden? »Wenn sich Personen hier ähnelten, ließ sich der Matching-Erfolg deutlich besser vorhersagen als über Persönlichkeitsprofile«, sagt Striebing. »Das hat uns überrascht.« Das Besondere an dem Ansatz: Über die Arbeitswerte gelingt es, Persönlichkeitsmerkmale in die Arbeitswelt zu übertragen und etwas greifbar zu machen, was bisher dem Bauchgefühl überlassen wurde.

 

Erfolgsfaktor Arbeitswerte: 
Warum funktioniert Teamwork bei manchen sofort – und bei anderen gar nicht? Die Forschung liefert eine Antwort: Es könnte an den Arbeitswerten liegen. Eine Studie des Fraunhofer IAO mit der MSB Medical School Berlin zeigt, wie stark sie die Zusammenarbeit beeinflussen. Gemeint sind grundlegende Erwartungen an die Arbeit, denn diese steuern berufliche Entscheidungen und das Verhalten. Forschende unterscheiden insgesamt elf Werte. Besonders wichtige sind: Vergnügen (Freude an der Tätigkeit), Autonomie, Sicherheit und Abwechslung.

 

Auf andere Bereiche übertragbar

So nützlich das Tool für das Jobsharing auch ist – für Striebing ist das Beispiel PairToShare Matchmaker® nur eine von vielen Möglichkeiten, Daten im Personalbereich zu nutzen. Auch dort, wo es um eher weiche Faktoren geht, lassen sich Entscheidungen zunehmend datenbasiert unterstützen. Der Ansatz ist auf andere Bereiche übertragbar, etwa auf die gezielte Förderung von Nachwuchskräften durch Mentoring-Programme oder die Zusammenstellung von Teams. »Im datenbasierten Matching steckt noch viel ungenutztes Potenzial für HR«, sagt der Forscher. »Unsere Vision ist, nutzerfreundliche Systeme zu entwickeln, die dieses Wissen zugänglich machen.«

Weitere Informationen

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Forschungsbereich

Responsible Research and Innovation

Innovationen im Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft: Das Center for Responsible Research and Innovation CeRRI des Fraunhofer IAO entwickelt neue Herangehensweisen und Methoden, mit denen Forschungsvorhaben und Innovationsprozesse von Anfang an bedarfsorientiert gestaltet werden können.

Forschung

Arbeitswelten

Digitalisierung, demografischer Wandel, Künstliche Intelligenz und New-Work-Konzepte verändern unsere Arbeitswelt grundlegend. Unsere interdisziplinären Forschungsteams analysieren zukunftsfähige Arbeitsumgebungen, entwickeln neue Leadership-Modelle und gestalten transformative Unternehmenskulturen.

Presseinformation

Neue Jobsharing-Plattform

Wie kann man Künstliche Intelligenz und Algorithmen im Personalwesen nutzbar machen? Der mit dem Fraunhofer IAO entwickelte Matching-Algorithmus macht Erfolg für Job-Tandems auf Basis von Daten planbar und schlägt die Brücke von der Forschung in die Anwendung.

Leistungsangebot

Unternehmenskultur 2030+

Eine zukunftsfähige Unternehmenskultur dient als Stellschraube an vielen Stellen: Wir unterstützen Sie dabei, Ihre Prozesse und Strukturen agiler zu gestalten und die technischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um neue (Zusammen-)Arbeitsweisen zu ermöglichen. 

 

Aus dem Magazin »FORWARD

Diese Reportage ist Teil des Magazins »FORWARD 1/26 des Fraunhofer IAO und des IAT der Universität Stuttgart.