Rund 20 Jahre arbeitete Joseph von Fraunhofer in Benediktbeuern. Dort verbesserte er Verfahren zur Herstellung und Bearbeitung von Glas, entwickelte optische Instrumente und machte seine bedeutendste wissenschaftliche Entdeckung: die Absorptionslinien im Spektrum des Sonnenlichts. Seine Erkenntnisse setzte er unmittelbar ein, um besonders leistungsfähige optische Instrumente herzustellen und zu vermarkten. Die Verbindung von Forschung, praktischer Anwendung und unternehmerischem Denken prägt die Fraunhofer-Gesellschaft bis heute.
Unter dem Leitgedanken »Approximavit sidera« – »Er hat uns die Sterne nähergebracht« – verbindet die neue Ausstellung Fraunhofers Geschichte mit heutigen Technologien. Sie richtet sich vor allem an Menschen, die bisher wenig Kontakt mit Wissenschaft und Forschung hatten. Familien, Ausflugsgäste und Besucherinnen und Besucher des Klosters können die Ausstellung ohne Vorkenntnisse erkunden. Wer tiefer einsteigen möchte, findet zusätzliche Informationen zu Physik, Astronomie und Optik.
Joseph von Fraunhofer als virtueller Museumsführer
Als virtueller Museumsführer beantwortet der »digitale Joseph« Fragen in mehreren Sprachen und in Echtzeit. Besucherinnen und Besucher können so direkt mit dem Namenspatron der Fraunhofer-Gesellschaft ins Gespräch kommen. Zugleich zeigt der Avatar anschaulich, wie sich digitale Figuren heute für die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine einsetzen lassen.
Der Avatar spricht lippensynchron und passt seine Mimik an das Gesagte an. Mithilfe von Motion-Tracking erkennt er sein Gegenüber und kann Blickkontakt herstellen. Zu sehen ist er in einer dreidimensionalen Rekonstruktion historischer Räume des Klosters Benediktbeuern. Die virtuelle Umgebung ergänzt den authentischen Ort und macht Fraunhofers Geschichte auf neue Weise zugänglich.
Die vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP kuratierte Ausstellung verbindet dabei historische Zeugnisse aus Joseph von Fraunhofers Wirkungszeit mit aktuellen Forschungsthemen. Ausgewählte Exponate zum nachhaltigen Bauen und zur Gestaltung zukünftiger Lebensräume zeigen beispielsweise, wie Fraunhofers Innovationsgeist bis heute in der angewandten Forschung weiterwirkt. So spannt die Ausstellung einen Bogen von seinen Pionierleistungen zu den Herausforderungen und Technologien der Gegenwart.
Förderung ermöglicht innovative Wissensvermittlung
Die Bayerischen Sparkassenstiftung, die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und die Bayerische Landesstiftung unterstützen die Weiterentwicklung der historischen Fraunhofer-Glashütte als Ort der Wissenschaftsvermittlung. Ein Schwerpunkt der Förderung ist der KI-Avatar. Er hilft dabei, Fraunhofers Geschichte verständlich zu erzählen und Besucherinnen und Besucher unabhängig von ihren Vorkenntnissen anzusprechen.
»Mit unserer Förderung unterstützen wir eine Form der Kultur- und Wissenschaftsvermittlung, die Geschichte lebendig, verständlich und unmittelbar erfahrbar macht. So entstehen Zugänge, die Geschichte lebendig vermitteln und zugleich den Blick in die Zukunft öffnen. Gerade darin liegt für uns das besondere Potenzial dieses Projekts«, sagt Matthias Dießl, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Sparkassenstiftung.
Technologie trifft immersive Inszenierung
Der »digitale Joseph« entstand 2022 am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und wurde seitdem technisch weiterentwickelt. Bruce B. gestaltete das Erscheinungsbild des fotorealistischen Avatars mit. Für die Sprachverarbeitung kommt Künstliche Intelligenz zum Einsatz; Gaming-Technologien erzeugen die Figur in Echtzeit. Audio-to-Face-Verfahren stimmen Mimik und Lippenbewegungen auf die gesprochene Sprache ab.
Der Avatar ist in eine detailgetreue dreidimensionale Nachbildung historischer Räume im Kloster Benediktbeuern eingebettet – am ehemaligen Wirkungsort Joseph von Fraunhofers. »Wir wollen mit dem digitalen Zwilling von Joseph von Fraunhofer veranschaulichen, welches Potenzial zur Wissensvermittlung in diesen Technologien steckt«, sagt Dr. Stephan Wilhelm, der die Entwicklung des Fraunhofer-Avatars leitet. »Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass sich dieses Prinzip auf eine Vielzahl von Anwendungsfällen übertragen lässt.« Als Beispiel nennt Wilhelm die Zusammenarbeit im Metaverse: »Schon heute können sich Menschen, die quer über den Globus verteilt sind, mithilfe ihrer Avatare im Metaverse treffen, um gemeinsam etwa an einer neuen Fertigungsanlage zu arbeiten. Und das ist erst der Anfang«.
Fraunhofers Erbe im Gedenkjahr 2026
Das Jahr 2026 steht im Zeichen Joseph von Fraunhofers: Am 7. Juni jährte sich sein Todestag zum 200. Mal. Die Fraunhofer-Gesellschaft würdigt ihren Namensgeber mit zahlreichen Initiativen und Veranstaltungen. Auch die UNESCO erinnert 2026 in einem Gedenkjahr an den Pionier, der Wissenschaft und Praxis miteinander verband. Die Wiedereröffnung der Fraunhofer-Glashütte am 18. September ist ein zentraler Programmpunkt. Am historischen Ort zeigt die Ausstellung, wie Fraunhofer handwerkliche Präzision, wissenschaftliche Er-kenntnis und unternehmerisches Denken zusammenführte.
Die Ausstellung macht Fraunhofers Leistungen dort sichtbar, wo ein wichtiger Teil seiner Arbeit entstand. Der KI-Avatar ergänzt die historischen Exponate und lädt dazu ein, auch über die Zukunft nachzudenken: Wie werden Menschen künftig mit Maschinen und digitalen Wissenssystemen kommunizieren?